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I AM A HOT MESS
ein Dokumentarfilmprojekt von Johanna Faust, CH 2017
«I Am A Hot Mess» erzählt eine Reise an verschiedene Orte – von Berlin bis in die Wüste Mexikos, «I Am A Hot Mess» ist eine Reise in meine Vergangenheit und ins Innere meiner Familie, «I Am A Hot Mess» ist eine Reise zu mir selbst.
Ich bin Künstlerin und lebte mit meinem Partner und unseren drei Kindern in Berlin. Umgeben von unserem Alltag, fühlte ich mich immer einsamer und unerfüllter. Ich entschloss mich deswegen zu einem Masterstudium in England und wollte meinen Partner mit den Kindern in Berlin zurück lassen. Durch diesen Entscheid wurde jedoch plötzlich ein Stück Familiengeschichte wieder in meiner Erinnerung präsent: Meine Grossmutter hatte damals ihre Familie verlassen, um sich der Kunst zu widmen. Ich hielt inne und plötzlich fühlte ich einen Drang mehr über meine Grossmutter zu erfahren, vor allem auch darüber, was ihr Entscheid für meine Mutter bedeutete.
Es wurde eine lange Reise tief in die Vergangenheit und in die Beziehungen zwischen drei Generationen von Frauen: Schicht um Schicht legte ich die Geschichten frei, die meine Mutter mit ihrer, mich mit ihr und meine Tochter mit mir und ihrer mexikanischen Grossmutter verbanden. Dabei entdeckte ich, dass sich in meiner Familie immer wieder ähnliche Konstellationen ergeben und sich die traumatischen Erfahrungen von Generation zu Generation übertragen hatten. Erst durch diese Auseinandersetzung wurde mir bewusst, wie sehr die Vergangenheit mein Leben und meine Gefühle prägt. Ich tauchte so tief ein in diesen Strudel, dass es ganz dunkel wurde, bevor ich wieder Licht an der Wasseroberfläche sehen konnte.
«I Am A Hot Mess» ist ein road movie, das den Geschichten nachgeht, die wir in uns herumtragen, ohne es zu wissen und ein Film darüber, wie durch eine künstlerische Auseinandersetzung zwischen Chaos und Form eine Reflexionsfläche entsteht, die nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für die Zuschauer einen neuen Blick auf die eigene Geschichte ermöglicht.
Produktion: soap factory GmbH, Basel
Buch, Regie: Johanna Faust

RUÄCH
ein Dokumentarfilmprojekt von Andreas Müller und Simon Guy Fässler, CH 2017
Sie nennen uns abschätzig „Ruächä“, wir nennen sie Zigeuner. Aber wer sind die Jenischen, die seit jeher unter uns leben? Woher kommen sie, was für ein Leben leben sie und warum? Unzählige Geschichten werden über sie erzählt, unzählige Geschichten erzählen sie selbst. Was ist Wahrheit, was Legende? Was Vorurteil oder romantische Verklärung der Sesshaften, was Selbstmythos und Propaganda der Fahrenden?
Eingeladen von einem jenischen Freund, bricht ein Filmemacher zu einer Odyssee durch die Welt der Zigeuner auf. Mit seinem Kameramann reist er in die schattigen Täler des Bündnerlands, in die staubigen Banlieus von Genf und in ein unterirdisches Versteck in Kärnten. Er entdeckt eine verborgene transnationale Kultur, die ihn sogleich in ihren Bann zieht. Er sammelt die Geschichten und Bilder einer fremden Lebensart. Aber immer wieder stösst er bei den Jenischen auf Misstrauen und offene Ablehnung, und je tiefer er in ihre Schicksale eintaucht, desto sichtbarer wird die tiefe Wunde, die eine verstörende Vergangenheit hinterlassen hat.
«Ruäch» ist ein Film über ein sagenumwobenes Volk – und über die Schwierigkeiten, diesen Film zu drehen.
Ein Portrait der Jenischen – und im Spiegelbild eines von uns selbst.
Produktion: soap factory GmbH, Basel
Koproduktion: 8horses, Zürich
Autoren: Andreas Müller, Simon Guy Fässler und Marcel Bächtiger
Regie: Andreas Müller

PARALLEL LIVES
ein Dokumentarfilmprojekt von Frank Matter, CH 2017
«Parallel Lives» erzählt die Geschichten einer Handvoll Menschen, die wie ich am 8. Juni 1964 geboren wurden. Auch wenn wir auf verschiedenen Kontinenten und unter völlig gegensätzlichen Bedingungen aufgewachsen sind, gibt es in unseren Lebensgeschichten viele reale und imaginäre Querverbindungen. Wir haben dieselben Epochen durchlebt, waren Zeugen derselben Ereignisse, mussten uns mit Varianten desselben Zeitgeistes auseinandersetzen.
Die letzten 50 Jahre waren stark geprägt durch Befreiungs-, Liberalisierungs- und Emanzipationsprozesse, von der Entkolonisierung Afrikas über den gesellschaftlichen Umbruch nach dem Mai 68 bis zum Untergang der realsozialistischen Systeme, der Öffnung der Kapitalmärkte oder der zunehmenden Akzeptanz für Homosexuelle. Über diese Geschichte möchte ich nochmals nachdenken. Was ist mit uns passiert im Spannungsfeld von Befreiung und Entfremdung, persönlicher Freiheit und Vereinsamung, Emanzipation und Bevormundung, Liberalisierung und Neoliberalismus?
In den Biografien meiner Protagonisten dreht sich vieles um diese Fragen. Zukiswa ist in einem kleinen Dorf in Südafrika aufgewachsen, unter einem Regime, das ihr selbst grundlegende Rechte verwehrte. Nach dem Ende der Apartheid setzt ein gewaltiger Modernisierungsschub ein, der das soziale Gefüge in ihrem Umfeld völlig umkrempelt. Heute bestreitet Zukiswa den Lebensunterhalt als Kleinhändlerin zwischen Südafrika und China.
Michel verbrachte seine Kindheit in Paris. Als Jugendlicher flieht er nach Los Angeles, um den hohen Erwartungen seines ehrgeizigen und in dubiose Geschäfte mit Kaiser Bokassa verwickelten Vaters zu entkommen. Michel befreit sich radikal von allen bürgerlichen Konventionen, doch Drogen, Sex und Rock’n’Roll führen ihn an den Rand des Abgrundes.
Melissa sah ihren Vater als Kind oft monatelang nicht, weil er in Vietnam im Einsatz war. Die ersten paar Jahre lebt sie in der heilen und abgeschotteten Welt einer US-Armee-Basis in Deutschland, dann beginnt ein Nomadenleben mit ständigen Umzügen von einer Kaserne zur anderen. Bis Melissa von zu Hause wegläuft und sich ihr Leben in einen Alptraum verwandelt. In letzter Not rettet sie sich und kehrt in ihr vertrautes Milieu zurück, nur um zu entdecken, dass es die rechtschaffene Welt ihrer Eltern nicht mehr gibt, vielleicht nie gegeben hat.
«Parallel Lives» ist ein komplexer Bilderbogen, der die Zuschauer auf eine spannende, emotional bewegende Reise durch die letzten Jahrzehnte mitnimmt. Anhand von einzelnen Lebensgeschichten geht der Film der Frage nach, was wir im letzten halben Jahrhundert gewonnen und was wir verloren haben, wie unsere Utopien zerbröselt sind und was an ihrer Stelle bleibt.
Produktion: soap factory GmbH, Basel & Recycled Tv AG, Bern
Buch, Regie: Frank Matter

CIAO BABYLON
ein TV-Dokumentarfilmprojekt von Kurt Reinhard und Christoph Schreiber, CH 2017
Bis Ende Jahrhundert wird die Hälfte der 6’500 heute gesprochenen Sprachen verschwunden sein. In der Schweiz ist nicht nur das Rätoromanische bedroht, auch einzelne Deutschschweizer Dialekte sind am Verschwinden. Was für eine Bedeutung hat dieser Verlust für uns Menschen?
In New York City werden rund 800 Sprachen gesprochen, so viele wie in keiner anderen Stadt. Um diesen Sprachschatz zu heben und die vielfältigen Idiome aufzuzeichnen, hat der Linguist Dan Kaufman die Endangered Language Alliance (ELA) gegründet. In seinem Archiv lernen wir Luis Sànchez kennen, der einmal in der Woche Aufnahmen in seiner Muttersprache Nahuatl macht und dabei versucht, sich an Worte zu erinnern, die er schon lange nicht mehr verwendet hat. Auch Amalia Malchiodi ist von Zeit zu Zeit in der ELA-Feldstation anzutreffen. Sie erzählt für Dan Kaufmans Sprachenarchiv Geschichten in einem alten Romontsch Sursilvan. Vor über 60 Jahren ist Amalia aus dem bündnerischen Sagogn ausgewandert und über etliche Umwege in New York heimisch geworden. Ihr Sohn Giancarlo hatte als Junge perfekt Rätoromanisch gesprochen, aber später, wie er sagt, im jugendlichen Übermut beschlossen, nur noch Englisch zu reden. Er bereut mittlerweile, dass er die Sprache seiner Vorfahren nicht mehr beherrscht.
Deshalb beginnt er die Sprache wieder zu erlernen und unternimmt zusammen mit Amalia eine Reise nach Sagogn, die Heimat seiner Mutter. Dort lernen sie eine portugiesische Familie kennen. Die Kinder wachsen mit der rätoromanischen Sprache auf, die sie durch die Nähe zur eigenen Muttersprache relativ einfach lernen. So werden die vielen portugiesischen Einwanderer im Bündnerland zu Hoffnungsträgern für den Erhalt des Romanischen in der Schweiz.
Gerade solche überraschenden, nicht voraussehbaren Wendungen in der Entwicklung von Sprachen faszinieren Dan Kaufman. Er sagt von sich, er komme sich vor wie «ein Indiana Jones der Linguistik: der Archäologe mit der Peitsche in der Hand, der hinter wertvollen Schätzen her ist.» Schon über 30 Sprachen hat Kaufman vor ihrem völligen Verschwinden bewahrt. Er meint, niemand könne voraussagen, welche Sprachen in 200 Jahren noch gesprochen würden und welche dann nur noch im Archiv der ELA angehört werden können.
Produktion: soap factory GmbH, Basel
Buch, Regie: Kurt Reinhard und Christoph Schreiber