Ann’s Pub
Thabea Furrer, Doc., 26 Min., CH 2021
Basler Kurzfilmpreis 2021
Internationale Kurzfilmtage Winterthur Postproduction Award 2019
Ann geht nie aus, denn sie wohnt gleich hinter dem Tresen ihres kleinen Pubs im irischen Athlone. Das Lokal ist wie eine Bühne, auf der sie Abend für Abend ihre Rolle spielt. Alle kennen die schlagfertige und tatkräftige Ann. Aber wer ist Ann wirklich?
Die 55jährige Barfrau hat schwierige Zeiten durchlebt und steht heute manchmal noch auf wackligen Füssen. Doch davon lässt sie sich ungern etwas anmerken. Viel lieber kümmert sie sich mit Leib und Seele um das Wohlergehen der Gäste und das Überleben des Pubs. Für die Stammgäste ist das «Flannery’s» ein sicherer Hafen in den rauen Wogen des Lebens, während Ann in ihrer Aufgabe Halt und Ablenkung findet. Das Pub gibt ihrem Leben einen Sinn.
«Ann’s Pub» ist das feinfühlige Porträt einer eigenwilligen, starken Frau und eines etwas aus der Zeit gefallenen, familiären Ortes.
Director’s Note
Im Februar 2017 stosse ich auf einer Irlandreise ganz zufällig auf das Flannery’s. Ich bestaune den reich gemusterten Teppich und die im privaten Hinterzimmer auf dem Sofa schlafende Hündin und treffe auf eine gemütliche Runde von Stammgästen. Ann, die Wirtin, grüsst mich skeptisch. Ich bestelle ein kleines Guinness, habe jedoch alsbald ein ganzes Pint vor mir stehen. Die Stammgäste laden mich ein, mich zu ihnen zu setzen. Als ich am nächsten Abend zum Konzert der hauseigenen Bluesband wieder am Tresen Platz nehme und, wie Ann bemerkt, als einzige Frau bis zur letzten Stunde im vertrauten Kreis der Stammgäste sitzen bleibe, ist das Eis gebrochen.
Ich war mit einer vagen Filmidee durch Irland gereist, um ein Pub zu suchen, das mehr ist als eine blosse Gaststätte, ein Lokal, das im täglichen Leben der darin verkehrenden Menschen eine wichtige soziale Funktion hat. Wo die persönlichen Beziehungen zwischen den Menschen vor und hinter dem Tresen gepflegt werden und dadurch eine ganz eigene Atmosphäre entsteht. Ebendiese Atmosphäre wollte ich im Film spürbar machen.
Mit dem Flannery’s und dessen ausserordentlichen Wirtin, der leidenschaftlich aufspielenden Bluesband und der verschworenen Stammkundschaft hatte ich den Ort und die Menschen gefunden, mit denen ich meinen Dokumentarfilm realisieren wollte. Allen voran hat Ann mich in ihren Bann gezogen: Ihr entschiedenes und humorvolles Auftreten, ihr respektvoller Umgang auch mit unangenehmen Gästen und Situationen und ihre unermüdliche Energie und Ausdauer beeindruckten mich. Nach und nach wuchs das Vertrauen zwischen uns so, dass ich auch ihre sensible, fragile Seite kennen lernte. Ich beobachtete, wie Ann persönliche Schwierigkeiten überspielte und Unsicherheiten – von denen mir manche selbst vertraut waren – kaschierte und immer wieder über ihren Schatten sprang, um voll für ihre Gäste da zu sein. Dank ihres Wirkens ist das Flannery’s ein Ort der Geborgenheit. Die Gäste sind ihre Freunde und Lebensbegleiter, was auch Ann im Umgang mit ihren inneren Kämpfen hilft.
Ich ahnte, dass mir bei Ann und den Gästen viel Vertrauensarbeit bevorstand, um den Film zu realisieren. So besuchte ich das Flannery‘s während zwei Jahren wiederholt, verbrachte viele Stunden im Pub und wurde allmählich zu einem Teil der verschworenen Gemeinschaft der Stammgäste. Ich entschied mich, auf ein Filmteam zu verzichten und Kamera und Ton selber zu machen, um eine maximale Vertrauensbasis und Nähe zu den Menschen und zu ihrem Puballtag zu erarbeiten.
Die für Ann, das Pub und die Gäste einschneidenden Ereignisse während der Drehzeit, prägten die Dramaturgie des Films. Wie die Gäste auf die unerwarteten Entwicklungen reagierten, zeigt für mich beispielhaft den Zusammenhalt der Menschen im Flannery’s – eine Art von Raum, die ich immer seltener antreffe, wo die Menschen und nicht die kommerziellen Interessen im Vordergrund stehen.
Thabea Furrer
Festivals
Rhode Island International Film Festival, August 2021, USA
57. Solothurner Filmtage, Januar 2022, Schweiz
16. Two Riversides Film and Art Festival, August 2022, Polen
19. Provinziale – Filmfest Eberswalde, Oktober 2022, Deutschland
Stimmen zum Film
«Sie trägt zerlaufene Plateauschuhe, enge Leggins, und die künstlichen Nägel erscheinen wenig praktisch für die Arbeit in einem Pub. Keine Frage: Ann, die Protagonistin des prämierten Films, ist ebenso eine spezielle Erscheinung, wie ihr kleines Pub im irischen Städtchen Athlone eine Oase ist; eine Oase für einsame Seelen, die hier bei Ann ein Zuhause und ein offenes Ohr finden, aber auch eine Oase, wo Freundschaft und kreatives Miteinander Platz haben.
Der Dokumentarfilm erzählt von grossen Träumen, die kleinen, nicht minder wichtigen, gewichen sind. Es geht um Zusammenhalt, um Verlust und immer wieder auch darum, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf der Zweifel zu ziehen. Der Filmemacherin Thabea Furrer ist es brillant gelungen, Tragik mit Humor zu verbinden und die kleine Welt des Pubs auch für den Zuschauer derart lebendig zu zeichnen, dass man automatisch das Gefühl hat, man sässe vor einem grossen Pint, mittendrin im rot-braunen Dekor.
Abgesehen von der eigenwilligen und deshalb umso liebenswerteren Hauptfigur Ann, sind auch alle übrigen Figuren mit grosser Sorgfalt ausgesucht und subtil in den Film integriert worden. Selbst Hund Lucky wird zu einem Protagonisten, dem alle Herzen zufliegen. Thabea Furrer hat ein Portrait geschaffen, das die Jury einstimmig überzeugt hat: Ann’s Pub ist eine wunderbare Hommage an das Leben. Ein Dokumentar-Film, der unaufdringlich Leben beleuchtet und gerade aufgrund seiner Subtilität ganz tief in sie eintaucht. Wir gratulieren Thabea Furrer zu diesem Werk, das sowohl inhaltlich wie auch visuell verzaubert.»
Anne Walser, Laudatio Basler Filmpreis 2021
Eine soap factory Produktion
Buch, Regie: Thabea Furrer
Originalversion in Englisch mit d/e/f UT, 26 Min.
Weltrechte: soap factory GmbH, Basel
Stab
Produzent: Frank Matter
Buch, Regie: Thabea Furrer
Kamera, Ton: Thabea Furrer
Schnitt: Thaïs Odermatt
Mitwirkende: Ann Flannery, Eamonn Hatton, u.v.m.
Soundberatung: Thomas Gassmann
Foleys: Dieter Hebben
Sound Design und Mixing: Jingle Jungle Tonstudios, Robert Büchel
Bild-Postproduktion: cinegrell postproduction GmbH
In-house producer: Nicole T. Allemann
Color Grading: Timo Inderfurth
Grafik: Patrick Löffel
Übersetzungen und Untertitel: diagonal GmbH, Thabea Furrer, Frank Matter
Projekt-Buchhaltung: Jeanette Stenz, Christine Pasquier
Kommunikation und Auswertung: Loredana-Nastassja Fernández
Finanzielle Unterstützung
Fachausschuss Film und Medienkunst der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft
Bundesamt für Kultur (EDI), Schweiz
Bildungs- und Kulturdepartement Kanton Luzern
Stiftung Otto Pfeifer
Casimir Eigensatz Stiftung
Internationale Kurzfilmtage Winterthur Postproduction Award 2019
cinegrell postproduction GmbH
Jingle Jungle Tonstudios